Archiv für Juli 2006

Keinen Bock auf Volksgemeinschaft!

- ein Thesenpapier der Herrschafts- und Gesellschaftskritischen Gruppe [Les Chemins de la liberté] zur Thematik: „Deutsche Ideologie und verkürzte Kritik am Kapitalismus“, das anlässlich diverser Protestaktionen gegen einen regionalen Aufmarsch der NPD/JN verteilt wurde -

Ein Charakteristikum der bürgerlichen Denkform ist die Personifikation von Sachen und die Versachlichung von Produktionsverhältnissen.
Eine solche Diagnose macht aber den Kapitalismus als „falsches Ganzes“ immun gegen jede konstruktive Kritik. Es wird völlig verkannt, dass alle Akteure dieses Systems nur einer durch die ökonomischen Verhältnisse aufgezwungenen Rationalität folgen. Eine konsequente Kritik der warenförmigen Gesellschaft muss aber den Gesamtzusammenhang erfassen, anstatt sich nur einzelne Erscheinungsformen herauszufiltern.
Eine derartig reduktionistische Analyse ist natürlich keine spezifisch „deutsche“ Problemstellung. Allerdings konnte sich hierzulande auf der Grundlage einer deutschen Ideologie – die sich von Fichte bis Hitler, als antiwestlicher Reflex etablieren konnte – ein verkürzter Antikapitalismus entwickeln, der alle Widersprüche nur auf einzelne Gruppen projizierte.
Die Niederschlagung des Nationalsozialismus durch die Alliierten beendete zwar die Existenz des nationalsozialistischen deutschen Staatengebildes, das ideologische Fundament blieb jedoch bestehen.

DIE ENTSTEHUNG DER VOLKSGEMEINSCHAFT
Von einer emanzipatorischen Position ausgehend, die alle kollektiven Gebilde ablehnt, welche sich auf Grundlage nationaler Identitäten legitimieren, ist es immer erforderlich, die Konstitution einer Nation vor dem Hintergrund ihrer spezifischen Geschichte zu sehen. So muss dann notwendigerweise erkannt werden, dass es hier wesentliche Unterschiede gibt.
In Deutschland formierte sich die völkische Nation auf der Grundlage des Ius Sanguis bereits lange vor der Existenz eines deutschen Staates. Deshalb ist das ideologische Grundgerüst auch primär ein völkisches. Dies äußert sich logischerweise in einer biologisch definierten (Volks-)zugehörigkeit zu einem imaginären organischen Gebilde und einem naturalisierenden Bezug auf gemeinsame Kultur, Sprache und Geschichte. DeutscheR kann diesem Verständnis nach nur sein, wer auch deutschen Blutes ist. Im postrevolutionären Frankreich genügte stattdessen ein Bekenntnis zur Nation und zu den Idealen der französischen Revolution, um die Staatsbürgerschaft zu erlangen.
Die progressiven Tendenzen des ausgehenden 18. Jahrhunderts stagnierten spätestens östlich vom Rhein, auf dem Gebiet der deutschen Kleinstaaten. Hier war der ideologische Hintergrund für die Gründung einer deutschen Nation immer anderer Natur. Diese entstand primär aus einer doppelten Alterität heraus. Nach außen wurde sich gegen den Freihandel und die Ideen der französischen Revolution abgegrenzt, nach innen war es das als „zersetzend“ proklamierte „Jüdische“.
Die pervertierende Entwicklung dieser ideologischen Versatzstücke führte dann letzten Endes auch in die deutschen Vernichtungslager hinein.
Trotz dieses Zivilisationsbruches können sie aber bis heute, in modifizierter Form fast unbeschadet weiterexistieren. Deutsche Identität bezieht sich dabei immer auf ein angeblich natürlich gewachsenes Staatengebilde. Der ideologische Überbau dieser Nation grenzt sich primär von allen anderen Nationen ab, diese werden damit automatisch zu synthetischen Sphären imaginiert. Aus einem solchen Denken leitet sich dann letzten Endes auch die Manifestation einer deutschen Volksgemeinschaft ab.
Ein wesentliches Merkmal dieser Konstruktion ist, dass in ihr scheinbar alle sozialen Widersprüche aufgehoben werden. Dies geschieht aber nur, weil sich das Individuum mit der Allgemeinheit zu identifizieren hat und somit alle Antagonismen auf ein anonymes Außen übertragen werden können.

KOLLEKTIVE KRISENBEWÄLTIGUNG
Einem solchen Denken müssen logischerweise zahlreiche Diskriminierungsformen entspringen. Neben dem biologischen Rassismus gibt es mittlerweile modernisierte Variationen. Dazu kann auch ein am kulturellen Hintergrund ausgerichteter Rassismus gezählt werden. Die hierzulande weit verbreitete Argumentation einer multikulturellen Gesellschaft, in der niemand etwas gegen MigrantInnen habe, solange sie für die deutsche Gesellschaft „nützlich“ sind, ist eine typische Erscheinung eines solchen Diskriminierungsverhältnisses.
Eine Integration in die deutsche Gesellschaft meint hier immer: „deutsch sprechen“, „deutsches Kulturgut reproduzieren“ und „deutsche Bürokratie zu verstehen“. Über die Konstruktion kultureller Unterschiede werden die Abgrenzungsmechanismen aufrechterhalten und im alltäglichen Rassismus ausgelebt, es wird damit immer wieder eine Konstruktion des „Anderen“, des „Fremden“ geschaffen.
Hier schließt letztlich auch der Ethnopluralismus an, der ein zentrales Konzept der so genannten Neuen Rechten ist.
Neben personellen Rassismen ist aber auch der in den Strukturen öffentlicher und privater Institutionen verankerte institutionelle Rassismus ein großes Problem. Diese Strukturen haben sich aufgrund historischer und gesellschaftlicher Macht- und Gewaltverhältnisse entwickelt und im ökonomischen, kulturellen, sowie im politischen Aufbau der Gesellschaft und ihrer Institutionen manifestiert.
Parallel zum Rassismus nimmt der Antisemitismus nach wie vor eine zentrale Problemstellung ein. Neben dem herkömmlichen Antisemitismus und einer kontinuierlichen Zunahme von Übergriffen auf Jüdinnen und Juden, spielt heute seine latente Erscheinungsform eine wesentlichere Rolle. Eine Kritik am Zionismus oder an den Positionen des Staates Israels, oder seine Stigmatisierung zu einem Besatzungs- oder Apartheidstaat, aber auch Äußerungen wie: „die Juden haben aus der Geschichte nichts gelernt“, sind Bestandteile dieser perfiden Denkform.
Mit dem Antiamerikanismus konnte sich eine weitere, dem Antisemitismus wesensverwandte Ideologie entwickeln. Auch der Antiamerikanismus kann bereits auf eine sehr lange Tradition zurückblicken.
Beide Diskriminierungsformen sind als negative Reaktion auf die Moderne zu verstehen. Sie haben beide eine Krisenkompensationsfunktion.
Die USA dient heute wegen ihrer hegemonialen Stellung als Projektionsfläche für alle Probleme und Widersprüche. Dabei wird aber nicht der Gesamtzusammenhang des kapitalistischen Systems erkannt und kritisiert, sondern nur ein einzelnes Element herausgefiltert.

WIE SICH DIE EHRLICHE DEUTSCHE ARBEIT VON DEN RAFFGIERIGEN HEUSCHRECKEN BEFREIT
Die Ursachen für einen positiven Arbeitsbezug in der deutschen Gesellschaft sind unterschiedlicher Natur. Zum einen ist es die Überhöhung der Arbeit zur Wesensbestimmung, die auf die protestantische Ideologie und deren Prädestinationslehre zurückzuführen ist. Ein zweiter Grund muss in der Mystifizierung der ökonomischen Kategorien: Produktions-, Zirkulations- und Konsumptionsphäre gesucht werden.
Beides in kombinierter Form ergibt dann einen fetischistischen Antikapitalismus, der zwischen Warenproduktion, -zirkulation und -distribution zu unterscheiden weiß. Verkannt wird dabei, dass die Arbeit selbst ein wesentliches Strukturmerkmal kapitalistischer Gesellschaften ist.
In der Wirklichkeit besteht diese fetischistische Trennung von Produktion, Zirkulation und Konsumption überhaupt gar nicht. Vielmehr sind diese Faktoren untrennbar miteinander verbunden. Bereits Karl Marx beschreibt den Doppelcharakter der Arbeit in seinem Hauptwerk: „Kritik der politischen Ökonomie“. Er unterscheidet dabei zwischen Wertbildender „abstrakter“ und Gebrauchswert produzierender „konkreter“ Arbeit. Diese Trennung ist aber innerhalb des kapitalistischen Produktionsprozesses ebenfalls aufgehoben, da hier konkrete Arbeit immer abstrahiert wird.
Das moderne Warenproduzierende System kann außerdem nur deshalb funktionieren, weil es in ihm keine personalen Ausbeutungs- und Abhängigkeitsverhältnisse mehr existieren, wie sie typisch für die vorkapitalistischen Feudalgesellschaften waren. Stattdessen ist das Individuum einem System von Sachzwängen unterworfen, das seine existentielle und gesellschaftliche Reproduktion reguliert.
Die Krisenhaftigkeit des Systems hat dennoch oft katastrophale Auswirkungen auf das Leben der einzelnen Individuen. Statt der Negation dieser Verhältnisse werden aber immer wieder vermeintlich Schuldige, für Krisen und Miseren gesucht.
Aktuelle Beispiele sind dabei Münteferings strukturell antisemitischer Heuschreckenvergleich oder das Statement der Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul: „Im Moment wird die Schlacht zwischen zwei Wirtschaftsmodellen geschlagen, dem neoliberalen US-Modell und dem kontinental-europäischen System der sozialen Marktwirtschaft.“. In beiden Positionen schwingt das nationalsozialistische Konstrukt vom „raffenden“ und „schaffenden“ Kapital implizit mit. Die Rahmenbedingungen, die eine solche Krisenhaftigkeit aber erst ermöglichen, werden nicht hinterfragt. Stattdessen wird eine Identifikation mit dem zum Scheitern verurteiltem Sozialstaat vorangetrieben, was gesellschaftliche und ökonomische Realitäten jedoch völlig ausblendet.
In einem solchen Denken wird jegliche Individualität unter das konstruierte Kollektiv der Gemeinschaft subsumiert. Die MitgliederInnen dieser imaginären Gemeinschaft sollen sich in den Dienst des Gemeinwohles stellen, alles außerhalb des Kollektivs muss nach dieser Logik also automatisch als fremd und störend empfunden werden. So ist es auch nicht verwunderlich, dass im gesellschaftlichen Kontext, mit dem Synonym vom „Sozialschmarotzer“ ein ideales Feindbild konstruiert werden kann, das dieser Gemeinschaft als Negativ gegenübersteht und die gesellschaftliche Krise kompensieren kann.
Ein letzter Fakt ist, dass durch alle politischen Lager der Ruf nach mehr Arbeit hallt. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass die stetig steigenden Arbeitslosenzahlen und die immer prekärer werdenden Arbeitsverhältnisse nur eine logische Konsequenz der Rationalisierung von Produktionsprozessen sind. Anstatt jedoch einen endgültigen Bruch mit dem System der Lohnarbeit einzufordern, wird mit Harz IV ein modernes Zwangsarbeitssystem installiert.

GESCHICHTE WIRD GEMACHT: VON DEUTSCHEN OPFERN UND ALLIERTEN TÄTER_INNEN
Ein weiteres Charakteristikum, das perspektivisch für eine deutsche Realität zu sein scheint, ist der Umgang mit der eigenen Geschichte. Bezeichnend sind dabei immer wieder eine Projektion der Kollektivschuld und die Personifizierung des Nationalsozialismus in der Person Adolf Hitlers oder der NSDAP.
Das wahre Wesen und die Bedeutung der Volksgemeinschaft werden völlig verkannt.
Typisch für den modernen Geschichtsrevisionismus, ist eine vermeintliche Anerkennung der deutschen Schuld. Mit diesem scheinbaren Eingeständnis versteht sich das moderne Deutschland nun als geläuterte und moralisch richtig handelnde Nation. Einer Moral, welche Kriegseinsätze, wie beispielsweise in Jugoslawien oder in Afghanistan, aber auch einen „geführten Frieden“ mit dem faschistischen Baath-Regime im Irak legitimiert.
Der Zivilisationsbruch Auschwitz gilt einem solchen Denken als europäisches Vermächtnis. Dies verschleiert aber die Realität, denn die industrielle Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden ist ja von den Deutschen organisiert worden.
Zudem wird Leiden heute generell als eine universelle Kategorie angesehen. Dies leistet aber wiederum einer Täter-Opfer-Verdrehung Vorschub. So können Deutsche TäterInnen plötzlich zu Opfern und Alliierte zu TäterInnen werden. Dieser Geschichtsklitterung kann besonders beim Dresdener Gedenken beobachtet werden. Der militärisch notwendige Angriff auf eine der letzten Rückzugsbastionen des nationalsozialistischen Regimes wird hier durch Mythen und Legenden völlig entkontextualisiert. Dies führte zu einer völligen Verzerrung der historischen Realitäten.
Innerhalb einer solchen Erinnerungskultur erlangen dann auch Synonyme wie „Bombardierung“, „Vertreibung“ oder „Gefangenschaft“ weitaus größere Bedeutung, als die Gaskammern der KZs. Die wahre Vernichtungslogik wird so immer nur relativiert.

Dass eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nie wirklich stattgefunden haben kann, zeigt das schiere Weiterexistieren aller erwähnten ideologischen Versatzstücke, welche allesamt auf das Konstrukt der deutschen Volksgemeinschaft zurückzuführen sind.
Der aktuelle Patriotismustaumel und die leichtfertige „Wir-sind-wieder-Wer“- Deutschtümelei eines erstarkenden deutschen Nationalismus, sind dabei nur offensichtliche Erscheinungsformen. Das verinnerlichte Denken, das sich aus dieser Ideologie speist, ist, was das ideologische Fundament des postnationalsozialistischen Deutschlands ausmacht.

Da wir uns als AntifaschistInnen verstehen, ist uns die Verhinderung des heute geplanten Naziaufmarsches eine Selbstverständlichkeit. Allerdings ist uns diese reine Antinazihaltung nicht genug. Vielmehr müssen notwendigerweise die ideologischen Inhalte einer Gesellschaft reflektiert werden, die es diesen Gruppen erst ermöglichen Fuß zu fassen. Aus diesem Grund lehnen wir auch kategorisch jegliche Zusammenarbeit mit Gruppen, Initiativen und Organisationen ab, die diese Inhalte trotz ihrer propagierten Ablehnung gegenüber den Nazis noch immer reproduzieren.

Deutsche Zustände angreifen!
Alle Verhältnisse umwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist!
Krieg den Hütten – Paläste für Alle!
Für eine Assoziation freier und gleicher Individuen!
Für einen libertären Kommunismus!

[ Les Chemins de la liberté ]
- Juli 2006 -




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