Geschichte wird gemacht!

- Diskussionspapier über eine mediale Inszenierung als integraler Bestandteil deutscher Erinnerungskultur vom Februar 2006 -

Im März flimmert der Zweiteiler: „Dresden“ über deutsche Fernsehschirme. Werden nun die Mythen und Legenden – die sich unhinterfragt um die Bombardierung der Stadt etablieren konnten – auch auf diesem Weg Einzug in deutsche Wohnzimmer finden? Wir werden es bald wissen!

Deutschland hat längst die Vergangenheit zu seinen eigenen Gunsten aufgearbeitet.
Mit Bedacht inszeniert, findet eine unreflektierte Erinnerungskultur – die nur fernab der Vernichtungslogik des Nationalsozialismus lokalisierbar ist – auch im Bereich der Medien statt.
Vokabular, wie „Bombardierung“, „Vertreibung“ oder „Kriegsgefangenschaft“ spielen im Repertoire des Gedächtnis-Entertainment – dass sich neben den üblichen Belästigungen durch Guido Knopp; auch in Exzessen wie: „Der Untergang“ oder „Der Brand“ zu behaupten versucht – eine wesentlichere Rolle, als die wahre Vernichtungslogik des Nationalsozialismus.
Bewusst wird mit einseitiger Geschichtsdeutung, Personifikation, Projektion oder gar mittels Ästhetisierung, die historische Wahrheit über den Nationalsozialismus relativiert.

Eine kritische Auseinandersetzung mit den Medien setzen wir hier voraus. Uns geht es hier im Zusammenhang mit dem Dresdener Gedenkspektakel und seiner inhaltlichen Nähe zu Nazipositionen, um eine spezifische Auseinandersetzung mit seiner Inszenierung durch die Medien.

Woran liegt es, wenn sich im Zeitalter der globalen Vernetzung; des stetig wachsenden Kommunikations- und Informationsflusses, eine solches einseitiges Geschichtsbild verfestigen kann? Sind die Medien nur der Spiegel der Gesellschaft oder sind sie nur integraler Bestandteil einer umfassenden unkritischen Auseinandersetzung?

Die Omnipräsenz der Medien macht ihren Betrachtern glaubhaft, allseitig informiert zu sein. So wird letztendlich eine Auffassung geschaffen, welche die Realität auf eine Scheinwelt reduziert. Es entsteht also ein vereinfachtes Abbild.
Hinzu kommt, dass die Analyse einer durch die Medien vermittelten Information im Auge des Betrachters liegt. Das subjektive Selbstverständnis – bezüglich der allgemeinen Geschichtsauffassung kann hier auch vom kollektiven Selbstverständnis ausgegangen werden – reflektiert sich hier nur auf eine andere Art und Weise.
Der Begriff: „Oral-History“ müsste in diesem Kontext, nach unserer Meinung durch das zeitgemäßer erscheinende Synonym: „Media-History“ ersetzt werden.
Ein auf Mythen und Legenden beruhendes Dresdener Gedenken im Speziellen; dass relativierende Geschichtsbewusstsein der BürgerInnen im Allgemeinen; und das an ihnen permanent feststellbare Projektionsverhalten, transformiert sich via Medien nun auf Kinoleinwände und Fernsehschirme. Somit können sich die bereits verfestigten Denkstrukturen letztendlich nur noch potenzieren.

Wie die ISF in ihrer 1997 formulierten Medienkritik richtig feststellten: duplizieren Medien die gesellschaftliche Interaktion durch ein positives Abbild.
Es offenbart sich eine Sprache ohne Referenz, ein Diskurs ohne Objekt.
Betroffene kommen gar nicht zur Sprache, stattdessen manifestieren sich inhaltsleere Gedenkevents mit offiziellem Charakter. Personifikation und Täter-Opfer-Verdrehung sind dabei keine Seltenheit.

Aus diesem Verständnis resultierend, dürfte es uns KritikerInnen des Dresdener Gedenkens auch nicht verwundern, wenn sich die Mythen und Legenden um die Bombardierung der Stadt, letztlich auch in der modernen Medienlandschaft lokalisieren lassen. Wie jeder falsche Umgang mit der historischen Wahrheit gilt für uns deshalb auch hier: „Es gibt kein richtiges Gedenken im Falschen.“

Abschließend noch ein paar Anmerkungen bezüglich zukünftiger Diskurse.
Bei aller berechtigten Kritik, stellen wir immer öfter fest, dass auch zahlreiche Auseinandersetzungen in unseren Zusammenhängen, oft zu dem gleichen Reduktionismus führen; der in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist.
Während Mensch sich richtig und logisch dem unkritischen Verhalten gegenüber distanziert, so verschwinden richtige und wichtige Inhalte aber auch zu oft im eigenen Mikrokosmos.
Dabei müsste es doch gerade uns – als progressive und emanzipatorische Linke – möglich sein, eine kritische perspektivübergreifende Distanz einzunehmen – einen kritischen Abstand zu den eigenen Positionen. Wir dürfen die Verhältnisse nicht nur wahrnehmen und kritisch überdenken, um uns dann von ihnen abzugrenzen!
Letztendlich unterliegen wir so nur genau dem Reduktionismus, den wir doch zu recht ständig anprangern.
Wir als Gruppe haben diesbezüglich momentan keinerlei Patentrezept, werden uns aber zukünftig darum bemühen, diesen Prozess in der eigenen Diskussion zu forcieren; in diesem Sinne möchten wir mit Ernst Bloch resümieren: wenn der Mensch durch die gesellschaftlichen Verhältnisse geformt wird; dann muss alles getan werden, damit die Gesellschaft menschlicher wird.





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