Archiv für Oktober 2006

Sind Nazis Mainstream? Versuch einer Ideologiekritik.

- Redebeitrag der Antifa R.D.L. zur Demonstration der Kampagne schöner leben ohne Naziläden am 14.10. 2006 in Chemnitz -

Bereits im Aufruf zur heutigen Demonstration, sowie in einigen Redebeiträgen wurde mehrfach gefragt, warum Chemnitzer BürgerInnen ihren Frieden mit den Nazigeschäften in der Stadt geschlossen haben. Wir möchten im Folgenden versuchen dieser Frage nachzugehen, indem wir uns mit dem ideologischen Background dieser Gesellschaft auseinandersetzen wollen.
Weil das Medium „Redebeitrag“ allerdings keine geeignete Form ist, um diese recht komplexe Problematik gänzlich zu thematisieren, können die nachfolgenden Ausführungen auch nur als ein Anstoß zur weiteren, individuellen Auseinandersetzung dienen. Der Gegenstand der nachfolgenden Betrachtung, sollte aber nach unserer Meinung ein integraler Bestandteil einer Gesellschaftsanalyse sein, die sich vom eigenen Selbstverständnis her, als „antifaschistisch“ versteht.

Heutzutage wird Mensch oft mit schwammigen, zugleich nichts sagenden Begriffen konfrontiert. Hierzu zählen Begriffskonstruktionen wie: „rechte Ideologie“, oder „rechtes Gedankengut“. Eine Reflexion über deren inhaltliche Bedeutung findet allerdings kaum, oder überhaupt nicht statt.
Dies geschieht einerseits, weil sie eben bewusst verschweigen, dass die ihnen zuordbaren Denkmuster der Ausdruck eines hierzulande üblichen Gesellschaftsklimas sind. Zum anderen, weil sie gleichzeitig problemlos zur Abgrenzung von neonationalsozialistischen Überzeugungen taugen, ohne das eventuelle Ähnlichkeiten oder gar Kongruenzen zum eigenen Denken hinterfragt werden müssen.
Für uns bedeutet dies konkret: Es reicht nicht aus, wenn sich antifaschistische Theorie und Praxis nur auf eine reine Antinazihaltung reduziert. Vielmehr muss das ideologische Grundgerüst einer Gesellschaft hinterfragt werden, welche rassistische, antisemitische und antiamerikanische Ressentiments reproduziert.
Wir möchten in unserem Beitrag weniger auf die historische Entwicklung dieser Ideologien eingehen, noch wollen wir eine Definition des Ideologiebegriffes selbst abliefern. Vielmehr begnügen wir uns mit einer phänomenologischen Darstellung einzelner Ideologiefragmente, also den Erscheinungsformen selbst; tun dies aber in der Absicht, ein Verständnis für eine materialistische Gesellschaftskritik voranzutreiben, die sich nicht nur auf oberflächliche Erscheinungen fixiert, sondern den Gegenstand der Kritik selbst zu durchdringen vermag.

Bevor wir uns der Darstellung einzelner Ideologiefragmente zuwenden, möchten wir kurz noch einmal auf den funktionalen Charakter einer Ideologie hinwiesen. Sie hat immer die Aufgabe offensichtliche Widersprüche zu verschleiern, auszublenden oder zu kompensieren. Außerdem dürfen ideologische Denkformen niemals als starre Gebilde verstanden werden. Vielmehr unterliegen sie immer auch den gleichen Entwicklungsprozessen, wie die Gesellschaft. Ihr funktionaler Charakter bleibt ihnen allerdings erhalten, so dass Ideologien in der Lage sind, auf diese gesellschaftlichen Prozesse einzuwirken. So konnten sie sich aufgrund historischer, politischer und ökonomischer Herrschafts-, Macht- und Gewaltverhältnisse entwickeln und prägen heute den Aufbau unserer Gesellschaft.
Neben der Befangenheit in diesen Denkformen und gerade durch sie selbst, wird ein reduziertes Weltbild gefördert, das die wirklichen Zusammenhänge aber gar nicht erfassen kann. Gerade vor diesem Hintergrund, macht es sich Manche/r auch mit der Behauptung, Ideologien resultieren zwangsläufig immer aus gesellschaftlichen Verhältnissen heraus, viel zu einfach. Der Begriff Ideologie sollte vielmehr nach einer Formulierung von Marx und Engels, als „verkehrtes Bewusstsein, das gerade in seiner Verkehrtheit falsche Verhältnisse affirmiert“ verstanden werden.

Welche Schnittmengen kann Mensch nun aber entdecken, wenn er die verwirrten Phrasen von Neofaschisten mit dem vergleicht, was durchaus als gesellschaftlicher Konsens bezeichnet werden kann, also einer Denkform, die von der gesellschaftlichen Mehrheit getragen wird?
Es gibt nach unserem Ermessen mehrere Elemente, an denen eine solche Übereinstimmung auszumachen ist. Diese sind allerdings niemals als Einzelerscheinungen zu verstehen, sondern gehen oft fließend ineinander über.
Als erstes soll hier der Rassismus, in all seinen Variationen, erwähnt werden. Zum zweiten müssen hier unbedingt Antisemitismus und Antiamerikanismus benannt werden. Ob es sich bei all diesen Diskriminierungsmechanismen um eine Projektion gesellschaftlicher Widersprüche auf bestimmte Personengruppen; einen fetischistischen Antikapitalismus, der zwischen Produktion, Zirkulation und Konsumption zu unterscheiden weiß; eine Konstruktion von „herbeihalluzinierten“ Unterschieden; oder einfach nur um einen antiwestlichen Reflex handelt; spielt dabei eine untergeordnete Rolle.
Als drittes Hauptelement definieren wir einen identitären Bezug zur Nation. Heute, nur wenige Monate nach der Fußballweltmeisterschaft, ist zwar das schwarz-rot-goldene Fahnenmeer fast verschwunden. Die Diskussionen darüber, was denn nun eigentlich „Deutsch“ sei, oder ob es denn nicht endlich an der Zeit ist, dem „neuen“ Deutschland den Platz an der Sonne zuzugestehen, den es sowieso schon seit Jahren eingenommen hat, sind es leider nicht.
Hier schließt auch direkt der Geschichtsrevisonismus an, der in all seinen Spielarten nur eine Funktion hat, die Wahrheit über den kollektiven Charakter des Nationalsozialismus zu verschweigen. Die Wahrheit über das Wesen der Volksgemeinschaft, und dessen Funktion bei einem verwalteten, organisierten und im industriellen Rahmen abgewickelten millionenfachen Massenmorden an europäischen Juden, an Roma und Sinti, an Homosexuellen und an all denen, die nicht in diese Volksgemeinschaft hereinzupassen schienen, oder sich gegen das menschenunwürdige System zur Wehr setzten. All diese Tatsachen sollen zu Gunsten eines neuen, moralisch geläuterten Deutschlands relativiert werden. Es ist deshalb heutzutage überhaupt nicht verwunderlich, wenn Alliierte zu Tätern, die Deutschen hingegen zu Opfern werden.
Nächstes Element ist ein autoritäres Verhältnis zum Staat, der im Verständnis seiner BürgerInnen, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu regeln hat.
Das der Staat aber in Wirklichkeit weniger die Interessen seiner BürgerInnen regelt, als vielmehr mit seinen juristischen, politischen, ökonomischen und militärischen Strukturen nur die Rahmenbedingungen, für den kapitalistischen Produktionsprozess schafft, dass wird gekonnt ausgeblendet. Problematisch ist außerdem die Tatsache, dass eine Gesellschaft, aus der sich ein Staat konstituiert, genau wie die historischen Bedingungen, welche zu seiner Gründung führten, immer sein administratives Handeln beeinflussen und diesem eine soziale Bestimmung geben. Im Fall Deutschland heißt das dann konkret: Kollektivismus statt Individualismus, ein völkisches Verständnis von Staat und Nation, sowie die Projektion aller Widersprüche auf ein imaginäres Außen.
Der letzte, jedoch nicht ganz unbedeutende Fakt, ist ein unreflektierter Bezug zur Arbeit. Sie gilt heute oft noch als Identifikationsobjekt schlechthin, allerdings nicht aus einer rein existentiellen Sichtweise heraus. Außerdem wird zwischen „schaffender“ Arbeit und „raffender“ Nichtarbeit, demzufolge auch zwischen „raffendem“ und „schaffendem“ Kapital unterschieden. Aktuell kann das heute an der derzeitigen Kritik am Siemenskonzern dokumentiert werden.
Das heute ganz nebenbei die Lebensverhältnisse breiter Bevölkerungsschichten immer prekärer werden, dass sich unsere Existenz nur einer ökonomischen Rationalität unterordnet, die Menschen und Ressourcen im globalen Maßstab ausgebeutet, dass wird nur selten hinterfragt. Viel mehr äußert sich die Kritik der einzelnen Individuen immer nur in der Forderung nach der Negation des eigenen existentiellen Leides, also in einer Art negativen Aufhebung des Kapitals. Dabei werden die tatsächlichen Ursachen einmal mehr ausgeblendet. Die ideologischen Mechanismen, des Verschleierns und des Kompensierens greifen, falsches Bewusstsein bricht sich wider jeglicher Vernunft die Bahn und muss so notwendig in Barbarei umschlagen.
Das ist der Grund, warum der Gesellschaftliche Konsens vielmehr als ein Produzent eines falschen Bewusstseins verstanden werden muss, und dies unterscheidet seine Inhalte auch kaum oder gar nicht von Naziideologien. Und das ist dann letzten Endes auch der Hauptgrund, warum den meisten ChemnitzerInnen die Existenz der Nazigeschäfte auch völlig egal ist.




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