Archiv für Juli 2007

Erklärung des Antifa Infoportals Magdeburg

… Täter sind keine Opfer

1. Einleitung

Anlässlich des Angriffs auf eine von uns organisierte Veranstaltung und den anschließenden Spekulationen über die Vorfälle und unser Handeln vor Ort, sehen wir uns dazu veranlasst, eine Erklärung abzugeben.

Die Menschen, durch die der Angriff auf unsere Veranstaltung erfolgte sind Mitglieder oder stammen aus dem Umfeld der Gruppen Autonome Antifa Magdeburg (AAMD), der Gruppe Internationale Solidarität Magdeburg (GIS) und der Frauengruppe Magdeburg. Eine Person ist auch Mitglied der Antinationalen Neuköllner Antifa (A.N.N.A.)

Die Tatsache, dass ein Großteil der Personen bereits von der vorherigen Veranstaltung wussten, dass sie nicht teilnehmen dürften, ihr aggressives Auftreten und ihre Äußerungen im Vorfeld und vor Ort lassen keinen Zweifel darüber offen, dass sie ausschließlich gekommen waren, um die Veranstaltung anzugreifen. Denn schon bei der ersten Veranstaltung der Reihe kamen die späteren AngreiferInnen mit Quarzhandhandschuhen und Mundschutz und schlugen zwei Teilnehmer der Veranstaltung zu Boden. Lediglich dem besonnenen Handeln des Veranstaltungsschutzes und der TeilnehmerInnen ist es zu verdanken, dass nach dem nun erfolgten massiven Angriff niemand ernsthaft verletzt wurde.

2. Kurzabriss

Wir haben schon mehrmals darauf verweisen, das es hier nicht um einen Einzelfall geht und die letzten Gewalttätigkeiten nur das bittere Ende einer längeren Entwicklung sind. Wir wollen diese hier noch einmal in aller Kürze an ein paar ausschlaggebenden Momenten nachzeichnen und damit auf Tendenzen darin aufmerksam machen. Anfänglichen Beleidigungen gegen Menschen, die den „Stempel Antideutsch“, aufgedrückt bekommen hatten, folgten diverse Drohungen. Hier gab es eine Zuspitzung bis hin zum angedrohten Mord. Über die Zeit wurden auch irgendwann materielle Schädigungen legitim und das in einem zunehmenden Ausmaße, so dass ernste finanzielle Schäden verursacht wurden. Die Entwicklung reichte von gesprengten Briefkästen bis hin zu abgestochenen Autoreifen. Der angedrohten und bis dahin zumindest an Dingen exekutierten Gewalt, folgte im Januar der erste direkte Angriff auf einen Menschen. Ein Teilnehmer unserer Kundgebung zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz wurde auf dem Weg nach Hause gestellt und ob seiner israelsolidarischen Haltung geschlagen. Bei der ersten Veranstaltung unserer kleinen Reihe gegen Antisemitismus versuchten sich dann Menschen aus dem oben benannten Personenkreis mit Gewalt Zugang zur Veranstaltung zu verschaffen und schlugen dabei gleich auf mehrere Menschen im Eingangsbereich ein. Nach folgenden Aufrufen im Internet unsere folgenden Veranstaltungen zu „smashen“, wurde dann die letzte Vortragsveranstaltung brutal und ohne Rücksicht auf eventuell Unbeteiligte überfallen. Unbeteiligte gab es für die Angreifer offensichtlich nicht mehr.

3. Einschätzung

Seit 2 Jahren beobachten wir eine Beständige Zuspitzung der Lage. Von der angedrohten bis hin zur körperlich zugefügten Schädigung war es ein vergleichsweise langer Weg, betrachtet man wie schnell sich der Level der Gewalt vom ersten direkten Angriff auf einen Menschen bis hin zum direkten Überfall auf eine Veranstaltung erhöht hat. Im Interview mit der Jungen Welt bestätigte die Gruppe Internationale Solidarität sinngemäß, in Zukunft weiter an ihrem Kurs festhalten zu wollen. Für uns ist nicht absehbar wohin diese Entwicklung noch gehen wird, befürchten aber, dass das Ende der sprichwörtlichen Fahnenstange noch nicht erreicht ist und Schlimmeres folgen könnte. Wer das alles noch als „innerlinke Streitigkeit“ oder überhaupt als zweiseitige „Konflikt“ fassen möchte, dem müssen wir eine Relativierung der Situation vorwerfen. Die Geschehnisse nicht ernst zu nehmen hat leider maßgeblich dazu beigetragen, dass die Lage ist wie sie ist.

Wir richten daher die Bitte an Gruppen, Initiativen, freie Assoziationen wie Einzelpersonen diese Handlungen klar und konsequent zu verurteilen.

4. Fünf Thesen

Einige wenige Male wurden wir nun, nach dem brutalen Angriff auf unsere Veranstaltung, gefragt ob bei der Polizei Aussagen gemacht wurden. Die Nachfragen wollen wir nun zum Anlass, aber nicht als Grund, nehmen um einige Gedanken und Thesen zum Thema zu formulieren.

1. Für eine Verurteilung des Übergriffs sollte diese Frage eigentlich keine Rolle spielen. Entweder ist der Angriff abseits jedweder Legitimation oder aber es gibt Ansatzpunkte einer Rechtfertigung, ja Verständnis für die Täter. In diesem Falle ist die Verurteilung keine.

2. Eine Solidarisierung mit den Opfern des Übergriffs, seien es Besucher_innen oder Veranstalter_innen, sollte auf Grund ihrer Betroffenheit erfolgen und nicht ob ihrer Handlungen als Reaktion auf den Angriff. Eine Solidarisierung in einer Notsituation, die geknüpft ist an Bedingungen ist eher als Druckmittel als ein ernst gemeintes und ehrliches Angebot der Hilfe und Unterstützung zu verstehen. Eine solche Hilfe ist keine.

3. Wenn „linkes Regelwerk“, wie „Anna & Arthur halten`s Maul!“, nicht mehr dem Individuum genügt, ist es nutzlos und zu überdenken. Wenn dem einzelnen Menschen Unterordnung aufgezwungen wird zum konstruierten Wohle eines „großen Ganzen“, hier „die Linke“, ist jeder emanzipatorischer Anspruch bereits begraben und zur sinnfreien Parole verkommen. Bevor das Individuum durch Regelwerke gebrochen wird, fordern wir das brechen der Regelwerke!

4. Wir finden es in diesem Sinne anmaßend für die Betroffenen zu entscheiden wie sie die Situation im Einzelnen bewertet haben, wie sehr sie Angst haben/hatten und wie sehr sie sich bedroht fühlen bzw. gefühlten haben. Gerade diese individuelle Perspektive sollte aber im Zentrum der Betrachtung stehen. Wir Respektieren daher die Entscheidungen der Betroffenen, ob sie nun Aussagen gemacht haben oder nicht. Wir werden keine erniedrigenden Rechtfertigungen und Einzeldarstellungen verlangen. Den Betroffenen gilt unsere bedingungslose Solidarität.

5. Strukturen werden nicht durch Opfer gefährdet! Die Strukturen waren bereits mit dem Angriffsplan gefährdet. Wer glaubt Menschen mit Steinwürfen und Reizgas angreifen und ein Gebäude demolieren zu können ohne polizeilichen Ermittlungen herauf zu beschwören, nimmt die Mittel und Wege des Rechtsstaats offensichtlich nicht ernst – und das ist gerade nach dem 129a-Verfahren mit Unmengen an Ermittlungen und in der überschaubaren „Szene“ in Magdeburg ein Armutszeugnis. Wer dann noch in einer linken Tageszeitung ein Interview gibt, das einem Bekennerschreiben gleicht, macht sich selber und seine Sündenbocktheorien über die „zugezogenen Probleme“ (GIS Sprech für „Antideutsche“) lächerlich. Wir wenden uns gegen jedweden Versuch aus Täter_innen, Opfer zu konstruieren.

Für das Ende der Gewalt!
Antifa Infoportal Magdeburg
Juli 07




Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: