Archiv für Februar 2008

etwa 100 militante Nazis randalieren in Colditz

(in Auszügen einem Bericht der unabhängigen Informationsplattform Indymedia entliehen)

Am vergangenen Samstag, dem 23.Februar 2008, griffen etwa 100 vermummte Neonazis einen Dönerladen, eine Turnhalle und ein Elekrofachgeschäft in Colditz (Muldentalkreis) an. Scheiben wurden eingeschmissen, Molotowcocktails wurden geworfen, eine Nebelgranate und eine Bombe, in der sich Farbe oder ähnliche Chemikalien befanden, wurden gezündet. In der sächsischen Kleinstadt versuchen die Nazis brutal ihre Hegemonie durchzusetzen.

Gegen 19.30 Uhr versammelten sich etwa 100 Neonazis auf dem Sophienplatz, um ein Elektrogeschäft und die dazugehörige Turnhalle, in der schon 3 alternative Konzerte stattfanden, anzugreifen. Innerhalb von 10 – 15min hatten die vermummten Nazis die Turnhallenfenster mit Molotowcocktails beworfen und wollten sich über die Eingangstür Zutritt in die Halle verschaffen, was ihnen glücklicherweise nicht gelang. In dem daneben gelegenem Geschäft wurden die Fenster zerschlagen und eine Nebelgranate hineingeworfen. Dies reichte den regionalen und zum Teil überregionalen Neonazis noch nicht, so dass sie eine weitere Bombe mit Farbe/Chemikalien zündeten, welche die Geschäftsräume und die Elektrogeräte unnutzbar machte. Zudem wurde versucht, einen Brandsatz in die Wohnung über dem Geschäft zu werfen. Auf dem Rückweg wurden zum wiederholten Mal bei einem Dönergeschäft die Scheiben eingeschlagen und randaliert. Die Täter_innen kommen zum Teil aus dem Umfeld der verbotenen Kameradschaft Sturm 34 aus dem Nachbarlandkreis Mittweida. Es entstand ein Sachschaden von etwa 100 000€.

Im Bericht des Mitteldeutschen Rundfunks (mdr) wird behauptet, Ziel der Nazis sei der Überfall auf ein linkes Konzert gewesen, was dann aber nicht stattgefunden habe. Tatsache ist, das an diesem Wochenende überhaupt kein Konzert geplant war!
Der brutale Überfall ist vielmehr als ein Racheakt zu deuten, der den Vermietern und den Veranstaltern von 3 alternativen Konzerten in Colditz galt, welche einen Gegenpol zur real existierenden Nazihegemonie darstellen. Vermieter, Veranstalter und Alternative in Colditz werden seit dem letzten Konzert am 1.2.08 mit Drohanrufen, Übergriffen und Sachbeschädigungen terrorisiert. So wurden am Donnerstagabend alternative Jugendliche verprügelt und am Freitag vor der Randale versammelten sich ca. 30 Nazis auf de eiem Parkplatz um alternativen Jugendlichen zu drohen und diese zu verprügeln.
Die Information, die der MDR nun so bereitwillig kolportiert stammt wahrscheinlich aus einem Anruf eines Nazis bei der Polizei, mit dem diese die Veranstalter wieder nur denunzieren wollten.

Im Bericht der LVZ wird behauptet, linke Jugendliche hätten in der Nacht einen Überfall auf einen Jugendclub geplant, auch dies ist eine Behauptung der Nazis, die dazu diente, die Polizei abzulenken um in Ruhe am Markt angreifen zu können.
Die Polizei lässt sich bereitwillig von den Nazis die Stichworte geben, die sie dann an die Presse weitergibt, weil ihr wie auch der Stadt Colditz die alternativen Konzerte ein Dorn im Auge sind.

Der geplante Überfall ist trauriger Höhepunkt einer langen Chronik rechtsextremer Gewalttaten in Colditz und Umgebung. In Colditz sind Zustände erreicht, die an eine ostdeutsche Kleinstadt der 1990er Jahre erinnern, das Nazikonzept der „National befreiten Zone“ ist hier Realität.
Erst Mittweida, dann Mügeln, dann wieder Mittweida und nun Colditz: Keine Überraschung für kritisch beobachtende Antifaschist_innen, Sachsen ist eine Nazihochburg, das Dreieck zwischen Leipzig, Dresden und Chemnitz ist neben Ostsachsen, sächsischer Schweiz und Vogtland nun ein weiterer Tummelplatz auf der braunen Landkarte.
Colditz Bürgermeister Manfred Heinz macht nach, was Mügelns Bürgermeister Deuse und Mittweidas Bürgermeister Damm vorgemacht haben. Er schaltet auf Heimatschutzmodus. Zitat aus der LVZ von ihm: „Wogegen ich mich aber verwahre, ist die Behauptung, Colditz sei eine rechte Hochburg“.

weitere Infos:

hier

und das schreibt die Lokalpresse:

Rechtsradikale Randale in Colditz
Polizei: Mitglieder der verbotenen Neonazi-Kameradschaft „Sturm 34“ unter den Angreifern

Colditz. Etwa 100 teilweise Vermummte, darunter laut Polizei auch Mitglieder der verbotenen Neonazi-Kameradschaft „Sturm 34“ aus Mittweida, randalierten am Samstagabend auf dem Colditzer Sophienplatz. Fensterscheiben gingen zu Bruch, Nebelbomben wurden gezündet. Mit ihrer offenbar minutiös geplanten, blitzschnell ausgeführten Aktion zielte der Pulk auf ein Elektrogeschäft, dessen Inhaber auch den benachbarten Saal des einstigen „Wettiner Hofes“ betreiben, in dem bereits drei Punkkonzerte stattfanden.
„Wollen Sie nun auch noch unsere Namen in die Zeitung setzen, damit wir endgültig zur Zielscheibe werden?!“ Die beiden betroffenen Geschäftsmänner stehen unter Schock. Nach ihren Angaben ist der Vorfall nicht der erste dieser Art in Colditz. Sie fühlen sich im Stich gelassen – von Polizei und Justiz, vom Staat. Sie alle guckten ihrer Meinung nach viel zu lange weg. „Ja, wir haben Angst, alle haben Angst. Das sind Zustände wie in der Weimarer Republik. Da wird der Hitlergruß in aller Öffentlichkeit gezeigt, da schlägt man junge Leute krankenhausreif, da ist Telefonterror an der Tagesordnung“, so einer der beiden Colditzer, dessen Sohn selbst in einer Punkband spielt.
Ein 16-Jähriger, der aus Furcht vor Übergriffen ebenfalls anonym bleiben möchte, berichtet über die Geschehnisse an jenem 19. Mai 2007. „Damals spielten im Saal junge Bands aus Rochlitz, Colditz und Grimma. Plötzlich griffen uns 50 bis 60 Glatzen an. Steine flogen und wir verrammelten die Tür. Die Polizei? Ich glaube die ist auf dem rechten Auge blind.“ Seitdem habe es noch zwei weitere Konzerte gegeben und eine Antifa-Spontandemo durch Colditz, sagt der Junge und fügt hinzu: „Im Februar wurden drei Konzertbesucher auf dem Heimweg in der Nähe des sogenannten Führerhauptquartiers verprügelt. Einer von ihnen musste in die Klinik.“ An diesem Wochenende war kein Konzert und doch hätten die Jugendlichen beobachtet, wie die Angreifer das Geschäft verwüsteten, mit Sieg-Heil-Rufen im Tunnel verschwanden und auch noch die Scheibe des benachbarten Dönerladens „Side“ einschmissen.
Bürgermeister Manfred Heinz ist rund um die Uhr im Rathaus. Er ist gezeichnet von der durchwachten Nacht: „Ja, es stimmt. Wie viele andere Kleinstädte hat auch Colditz ein gewisses rechtsextremes Potenzial. Wogegen ich mich aber verwahre, ist die Behauptung, Colditz sei eine rechte Hochburg.“ Heinz bezeichnet Colditz vielmehr als weltoffene Stadt. „Im vorigen Jahr eröffneten wir unsere Europäische Jugendherberge. Innerhalb eines Jahres konnten wir die Zahl der Übernachtungen verdreifachen. Ob junge Amerikaner, Australier oder Südafrikaner – unsere internationalen Gäste können sich bei uns jederzeit sicher fühlen.“ Heinz erinnert an die Sanierung der Gräber jüdischer Zwangsarbeiter und an die Ausstellung zum Gefangenenlager, das sich während des Zweiten Weltkrieges im Schloss befand. „Colditz hat Partnerstädte in Polen, Tschechien und Österreich. Mit ihnen pflegen wir einen sehr persönlichen Austausch.“ Auch auf wirtschaftlichem Gebiet agiere Colditz international: Der größte Betrieb in der Stadt, so Heinz, gehört einem amerikanischen Konzern. Heinz lädt alle Colditzer am 13. März ins Schloss Colditz ein. Dort ist in Zusammenarbeit mit dem Kulturbüro Sachsen eine Veranstaltung zum Rechtsextremismus geplant. Außerdem beruft Heinz eine Sondersitzung des Stadtrates ein. Der Bürgermeister fordert eine rückhaltlose Aufklärung. Er will alles in seiner Macht Stehende tun, um das Geschäftshaus auf dem Sophienplatz künftig besser zu schützen: „Aber wie soll die Polizei für die Sicherheit garantieren, wenn die Inhaber des Ladens ihre Punkkonzerte nicht anmelden?“
Landespolizeipräsident Bernd Merbitz und Jürgen Georgie, Chef der Polizeidirektion (PD) Westsachsen, machen sich selbst ein Bild von der Lage in Colditz. „Eine Ermittlungsgruppe aus Soko Rex und PD Westsachsen hat die Untersuchungen aufgenommen. Außerdem wird die Polizeipräsenz in Colditz erhöht.“ Auf die Vorwürfe der Geschädigten hin, den Mob nicht unter Kontrolle gebracht zu haben, stellt Georgie klar: „Wir waren von zwei verschiedenen Veranstaltungen in Colditz ausgegangen. Deshalb hatten wir im Vorfeld zusätzliche Kräfte angefordert. Letztlich fand nur die Après-Ski-Party im Jugendcenter statt.“ Also habe man sich mehr in diese Richtung orientiert, da man Störungen befürchtete. „Die im Anmarsch befindliche Personengruppe haben wir zwar festgestellt und konnten auch einzelne Autokennzeichen registrieren. Jedoch war von der Kleidung her die sofortige Zuordnung zu einem politischen Lager unmöglich. Auch waren die Leute zu dem Zeitpunkt noch nicht maskiert. Und Ordnungswidrigkeiten, die das Eingreifen unsererseits gerechtfertigt hätten, lagen zunächst auch nicht vor. Schließlich meldeten Einwohner einen lauten Knall am Sophienplatz…“ Ehe die Polizei dort anrückte, waren die Angreifer längst geflüchtet. „Die verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren“, sagt Georgi.

Quelle: Muldentaler Kreiszeitung (LVZ) vom 25.02.2008

Mittlerweile werden krudeste Lösungen für das Problem gefunden, so verfügte der Colditzer Bürgermeister, dass vorerst keine alternativen Konzerte mehr in der Stadt stattfinden sollen. Damit leistet er dem mehrheitsgesellschaftlichen Konsens Folge, der im Engagement gegen eine nazistische Hegemonie eine eindeutige Provokation entdeckt haben will. Praktisch bedeutet das also: Die Opfer der Übergriffe sind selbst daran schuld. Kühe, Schweine, Ostdeutschland!

Aber auch aus dem nahegelegenen Mügeln gibt es ähnliche Nachrichten. Das Ganze kann hier und hier nachgelesen werden.

Redebeitrag der Antifa R.D.L. zur Situation in Colditz auf einer Demonstration gegen Nazistrukturen im Leipziger Osten am 1. März 2008

Escape from Colditz
Artikel aus der Jungle World 11/2008




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