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Colditz – eine “national befreite Zone” in Sachsen

Unsere Genoss_innen des antifaschistischen Infoportals Colditz haben einen Gastbeitrag für die aktuelle Ausgabe des „Gamma – Antifa-Newsflyer für Leipzig und Umgebung“ verfasst, der sich ausführlich mit der Situation in Colditz und im südlichen Muldentalkreis befasst.

Der südliche Muldentalkreis ist seit langem ein Tummelplatz von Nazis. Nach einigen Jahren bescheidener Ruhe nahmen deren Aktivitäten in den letzten Monaten wieder massiv zu.

Besonders die Stadt Colditz sowie die angrenzenden Gemeinden haben sich zur „No-Go-Area“ für Migrant_innen und nichtrechte Menschen entwickelt. Die enge Vernetzung der einzelnen Neonazi-Strukturen findet dort auch Rückhalt in den politischen Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft.
Zudem dominieren rechte Jugendliche in den lokalen Jugendzentren, Schulen und anderen Treffpunkten. Dadurch konnte sich die Region, von Außenstehenden kaum wahrgenommen, tatsächlich zur „national befreiten Zone“ entwickeln. Die aktuelle Zunahme der Naziaktivitäten lässt sich am ehesten mit dieser Entwicklung erklären – sie ist eine direkte Folge der Nazihegemonie und kein zufälliges Phänomen.
Mittlerweile kann die Stadt Colditz samt Umland in einem Atemzug mit Orten wie Wurzen, Mügeln oder Mittweida genannt werden. Und die
Nazihegemonie vor Ort ist bereits so verfestigt, dass KritikerInnen und GegnerInnen Gefahr laufen, durch ihr Engagement selbst Opfer nazistischer Gewalttaten zu werden. BürgerInnen und alternative Jugendliche, die sich gegen die bestehende Nazihegemonie positionieren, müssen mit Denunziation, Einschüchterung und körperlichen Angriffen rechnen. Neben Körperverletzungen, „Outing“-Flugblättern und Telefonterror sind diese Menschen auch dem Risiko ausgesetzt, zum Ziel eines Anschlags zu werden: An einem Februarabend versammelten sich etwa 100 Neonazis in Colditz und überfielen ein Elektrogeschäft, eine Turnhalle sowie einen Dönerimbiss.
Die Angreifer warfen mehrere Brandsätze, eine Nebelgranate und demolierten das Ladengeschäft des Elektrohändlers. Dieser hatte zuvor einigen
alternativen Jugendlichen die Nutzung der Turnhalle für Konzerte erlaubt. Dieser Höhepunkt rechter Gewalt stellt frühere Vorfälle in den Schatten und führte dazu, dass die Situation auch überregional bekannt wurde. Dabei wurde sichtbar, dass Nazis in Colditz das Stadtbild
prägen. Die Reaktion des Bürgermeisters bestand sinnigerweise darin, die Durchführung weiterer alternativer Konzerte zu verbieten. Dadurch wird die Behauptung aufgestellt, frühere Punkkonzerte hätten die Nazigewalt erst provoziert. Dabei stehen in jener Stadt Brandstiftungen, Sachbeschädigungen, Körperverletzungen und Propagandadelikte durch Nazis nunmehr kontinuierlich auf der Tagesordnung.

Die Naziszene in der Region muss allerdings differenzierter betrachtet werden. Neben zahlreichen rechtsorientierten Jugendlichen und dem
typischen „Dorfnazi“-Klientel gibt es einige gut organisierte Strukturen mit festem Personalstamm und wachsendem Mobilisierungspotential. Zu dem zählen sich „erlebnisorientierte“ Jugendliche, die oft der lokalen Freefight-Szene entstammen.
Bemerkenswert sind auch die Kontakte der Colditzer Naziszene zu benachbarten Regionen. Hier gibt es organisatorische Querverbindungen und personelle Schnittmengen mit Nazis aus dem Landkreis Döbeln und der verbotenen Mittweidaer Kameradschaft „Sturm 34“.
Zentrale Institution in der Region ist das „Bündnis für Deutschland“. Es versteht sich als „Heimatschutz“-Netzwerk, besteht aus 30 Personen
und tritt mit einer eigenen Website an die Öffentlichkeit. Das zugehörige Postfach führt zu einem Michael Valentin, der schon seit Jahren aktiver Neonazi ist. Unterstützt wird das Bündnis auch durch Jens Schober aus Leisnig. Schober war früher Kopf der aufgelösten „Nationalen Sozialisten Leisnig“ und schon mehrfach Anmelder von Kundgebungen und Aufmärschen, unter anderem in Delitzsch und Merseburg. Einst soll er versucht haben, eine Ortsgruppe des im Juli 2008 aufgelösten „Kampfbundes Deutscher Sozialisten“ (KDS) in Leipzig aufzubauen, hat sich dann aber mit dessen Führungsfigur Axel Reitz überworfen. Nach weiteren Streitereien kam es zum Bruch zwischen Jens Schober und Figuren der
überregionalen Neonaziszene. Mittlerweile hat er seine Aktivitäten deshalb auf Leisnig und den südlichen Muldentalkreis beschränkt.
Das „Bündnis für Deutschland“ verteilt regelmäßig eigene Flugblätter, organisiert unter dem Slogan „Heimat, Familie, Freunde, Gemeinschaft“
eine monatliche Veranstaltungsreihe, die einen regionalen Vernetzungscharakter hat. Bis zu 70 Personen nehmen regelmäßig an diesen Ausflügen und Kameradschaftsabenden teil.
Wie gut die Vernetzung der einzelnen Gruppen im Detail funktioniert, zeigt folgendes Beispiel: Am 14. April wurde ein Friedensgebet in der Colditzer
Schlosskirche von etwa 40 NPD-Anhängern, darunter der NPD-Landtagsabgeordnete Winfried Petzold aus dem nahe gelegenen Mutzschen, und parteifreien Nazis gestört. Sie besetzten die letzten Bänke der Kirche, verteilten Flugblätter, hielten Transparente in die Luft und fotografierten alle Anwesenden ab.
Schon zwei Tage zuvor referierte der bekannte Altnazi Manfred Röder im Gasthof Zollwitz, unweit von Colditz. Etwa 100 ZuschauerInnen besuchten
seinen Vortrag, darunter nicht nur NPDler, sondern auch „freie Nationalisten“.
Besonders die NPD profitiert von der Nazihegemonie der Region und holt ortsansässige Kader in ihre Strukturen. Zur Kommunalwahl trat neben
dem Colditzer Stephan Behne auch der 22-jährige Hannes Hübel für die NPD an. Hübel, selbst aus Colditz, war an zahlreichen Überfällen auf Jugendliche beteiligt und ist regelmäßiger Gast bei wichtigen Nazievents, so etwa im Herbst 2007 beim „Fest der Völker“ in Jena.
Die regionale NPD hat folgerichtig ihren Aktionsschwerpunkt nach Colditz verlagert und baut die Zusammenarbeit mit lokalen Nazis weiter aus.
Zudem nutzen große Teile des Umfelds der verbotenen Kameradschaft „Sturm 34“ die Region als neues Domizil, nachdem ihnen dies in Mittweida und Umgebung nicht mehr gelingt.
Selbst im Umlad von Colditz ist nichts besser: Der nahe gelegenen Ort Koltzschen wurde zu Pfingsten von der „Heimattreuen Deutschen Jugend“
(HDJ) besucht. Sie hielte dort ihr diesjähriges „Pfingstlager“ mit über 150 Kindern und Jugendlichen ab.
Neben Parteistrukturen und Kameradschaften existiert in der Region mit den „Shamrock Fighters“ ein Freefight-Club, der gerade in Colditz Fuß fasst. Personen aus dem Umfeld dieser Gruppe waren am Angriff auf eine antifaschistische Demonstration am 16. März in Wurzen beteiligt. Bekanntestes Mitglied dieser „Sportgemeinschaft“ ist der Thaiboxer Ricky Hartung aus Hausdorf bei Colditz. Er ist auch bei den „Fighting Fellas“ in Wurzen aktiv. In Wurzen befand er sich beim Angriff auf die Antifademo unter den 70 AngreiferInnen.
Einer der Förderer der lokalen Freefight-Szene und nachweislicher Nazi-Sympathisant ist ein ortsansässiger Unternehmer. Jene – juristisch entsprechend vorbelastete – Person tritt als Scharnier zwischen Nazigruppen, organisierter Kriminalität und Roltlichtszene auf. Durch seine Hilfe erhält die örtliche Naziszene finanzielle Zuwendungen und anderweitige Unterstützung aus diesem Umfeld.
Kein Wunder also, dass selbst eine bundesweit tätige Gruppe wie die HDJ die Region für ihre Aktivitäten auswählt. Die funktionierende Zusammenarbeit von NPD, Kameradschaften und Sympathisanten in der rechtsdominierten Jugendkultur haben dazu geführt, dass sich Colditz – samt Umgebung – zur Nazihochburg entwickelt hat. Neben dem Landkreis Mittweida und der Sächsischen Schweiz ist diese Region derzeit eine der dunkelbraunsten Flecken im ohnehin schon braunen Sachsen.




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