Archiv der Kategorie 'antifaschistisches Bildungskollektiv'

Kopftuch als System – Machen Haare verrückt?

Filmvorführung und Diskussion mit Fathiyeh Naghibzadeh

In Kooperation mit Chemnitzer Antifaschist_innen und der antifaschistischen Hochschulgruppe Dresden fanden am 30. Juni und am 01. Juli diese beiden Veranstaltungen unserer antisexistischen Themenreihe Progression.Regression statt.

Als ReferentIn hatten wir Fathiyeh Naghibzadeh aus Berlin eingeladen. Im Rahmen eines Filmseminars im Studiengang Gender Studies an der Humboldt Universität zu Berlin entstand vor zwei Jahren der Film „Kopftuch als System“, in dem sie und drei weitere Frauen die Portraits von vier IranerInnen im Exil zeigen. Der Film selbst vermittelt der/dem BetrachterIn sehr facettenreich die Problematik von spezifisch islamistischer Unterdrückung der Frau durch das iranische Mullahregime. Eine ProtagonistIn betont zudem, dass mit der Zwangsverschleierung die gesamte Gesellschaft kontrolliert werden kann. Anhand der im Film geschilderten Lebens- und Leidensgeschichte dieser Frauen, sowie durch die detailierte Darstellung ihrer politischen Aktivitäten vor und während ihres Exils, ist der Film unserer Meinung nach sehr gut für Menschen geeignet, die einen Einstieg in diese Thematik suchen.

Im Jahr 1979 wurde im Iran die islamische Republik von Ajatollah Chomeni ausgerufen. Seither wurden unzählige Frauen, Oppositionelle, KommunistInnen und MenschenrechtlerInnen in buchstäblichen Massenhinrichtungen ermordet. Das Gesetz der Scharia schreibt die Zwangsverschleierung von Frauen durch den Tschador in der Öffentlichkeit vor. Er wurde nicht nur zum Symbol für die islamisch-patriarchale Herrschaft, sondern auch für die Aufgabe der freien und gleichen menschlichen Beziehungen im Iran.

In weiten Teilen der so genannten Linken herrscht leider aufgrund einer befürchteten Nähe zu konservativen und rassistischen Positionen oftmals eine gewisse Scheu vor der kritischen Auseinandersetzung und der Benennung von patriarchaler Gewalt in islamischen Communities. Zu oft verschanzt Mensch sich hinter einer kulturrelativistischen Toleranz.
Konservative hingegen instrumentalisieren die islamkritische Forderung einer universalen Emanzipation der Frau für eine rassistisch motivierte Integrationsdebatte. Die so geführte Diskussion lässt aber weder Raum für eine grundlegende Kritik am strukturellen Rassismus und am Sexismus in der deutschen Gesellschaft. Mit der Kritik an einem kulturbedingten Sexismus lässt sich allerdings sehr leicht eine Trennung von “Uns” und “den Anderen” aufmachen. Allen diesen Debatten ist gemeinsam, dass Frauen zumeist nur als Opfer vorkommen. Als politische Subjekte mit eigenen politischen Forderungen werden sie nur selten richtig ernst genommen.

Wir selbst verorten unsere Positionen in den Teilen der radikalen Linken, welche die geschilderte Problematik ohne eine Tendenz zur Relativierung thematisieren. Wir verstehen eine Kritik am Islamismus, sowie am Kulturalismus allgemein, als integralen Bestandteil einer emanzipatorischen Politik und grenzen uns explizit von kulturrelativistischen Positionen ab. Die spezifisch islamistische Diskriminierung von Frauen ist für uns nicht nur ein Nebenwiderspruch, sondern muss eindeutig in ihrem Kontext benannt, analysiert und kritisiert werden. Die Kritik am Islam ist für uns deshalb ein wesentlicher Bestandteil einer materialistischen Gesellschaftskritik.

Im Anschluss an die Filmvorführung machte die ReferentIn einige Ausführung zur Entstehungsgeschichte des Films. Danach wurden zahlreiche Fragen von ZuschauerInnen beantwortet. Es gab mehrere Fragen zur ihrer Biografie, sowie zu den im Film portraitierten Frauen. Außerdem offenbarte sich jede Menge Informationsbedarf bezüglich einer Einschätzung der aktuellen politischen Lage im Iran. Fathiyeh betonte, dass das System nicht reformierbar sei, sondern abgeschafft werden müsse. In diesem Zusammenhang kam auch die Fragestellung auf, ob es dem Regime gelingen könnte, die allgemein vorherrschenden antiamerikanischen und antiisraelischen Tendenzen zu instrumentalisieren, um die eigene Verantwortlichkeit zu verbergen. Fathiyeh meinte dazu, dass sie selbst das Gefühl hat, dass derzeit viele Menschen im Iran bewusst wahrnehmen, dass die weltpolitische Isolierung des Irans die eindeutige Konsequenz der eigenen Politik ist und deshalb die politische Führung dafür verantwortlich machen. Als Beispiel nannte sie die derzeitigen Proteste gegen die Rationierung des Benzins. Allerdings betonte sie, dass die iranische Opposition innerhalb des Landes aber auch im Exil keine homogene Gruppierung sei, sondern zahlreiche zum Teil auch regressive Tendenzen offenbare. Außerdem wurde erwähnt, dass die europäische Außenpolitik, speziell die der deutschen Regierung aufgrund der ökonomischen Kontakte zum iranischen Regime wohl kaum Interesse haben dürfte, dass sich die aktuelle Situation verändert. Schrittweise Reformen würden zwar immer wieder begrüßt und die öffentlichen antisemitischen Ausfälle von Mahmud Ahmadinedschad werden in den Medien verurteilt, Alles in Allem kann aber von Appeasment gesprochen werden.
Eine Diskussion gab es zudem über die zuweilen mangelnde Auseinandersetzungen mit dem Islam innerhalb des aktuellen Gender-Diskurses. Der Grund dafür war die Aussage einer ProtagonistIn im Film, welche die berechtigte Frage stellte, was denn die Schreibtischtheorien den betroffenen Frauen in ihrer konkreten Situation nützen. Die ReferentIn legte dar, dass auch innerhalb feministischer Positionen durchaus auch regressive Tendenzen wahrzunehmen sind. So stellen einige FeministInnen beispielsweise das Tragen des Kopftuches als Abgrenzung muslimischer Frauen zur westeuropäischen Mehrheitsgesellschaft dar. In diesem Kontext werden dann islamkritische Positionen als eine „Verwestlichung“ dargestellt. So werden Frauen, die ihre Kritik am Islam formulieren als „AgentInnen des weißen Mannes“ diffamiert. Solche Positionen waren es auch, die den Ehrenmord an Hatan Sürücü im allgemeinen patriarchalen Nebel verschwinden ließen, ohne den konkreten Hintergrund zu benennen.

Wir bedanken uns bei Fathiyeh Naghibzadeh für ihre aufschlussreiche Darstellung und wünschen ihr bei ihrer politischen Arbeit jede Menge Kraft und Ausdauer.




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