Archiv der Kategorie 'Theoriegruppe: Les Chemins de la liberté '

Demonstration am 20. Juni 2009 in Freiberg

Einen Bericht von der Demonstration am 20. Juni 2009 von unseren hochgeschätzten Genoss_innen aus Freiberg, nebst Bildern, findet ihr hier.

Redebeitrag unserer Gruppe:

Fascism Reloaded?

Redebeitrag der Antifa R.D.L. gehalten auf der Antifa-Demonstration „progress in mind[s] – Gegen die Deutschen Zustände – Für eine emanzipatorische Gesellschaft“ am 20. Juni 2009 in Freiberg

Wiedereinmal stehen die Wahlen zum sächsischen Landtag an und erneut besteht eine reale Gefahr, dass die Nationalsozialisten von der NPD ins Landesparlament einziehen. Diese Aussicht, sowie die sprunghafte Zunahme der Aktivitäten desjenigen Spektrums der Neonazi-Szene, das mit der NPD nichts zu tun haben will oder lediglich ein instrumentelles Verhältnis zu ihr pflegt – also die Kameradschaftsszene und all jene heterogenen Gruppierungen, die am ehesten unter dem Label „Freie Kräfte“ zusammengefasst werden können – verdeutlichen die Notwendigkeit eines antifaschistischen Engagements.

Genau in dieser Notwendigkeit offenbart sich allerdings auch eine Ambivalenz, die zwar nicht wirklich neu für linksradikale Gruppen ist, ihnen allerdings immer wieder die Grenzen tatsächlicher Interventionsmöglichkeiten aufzeigt.
Bei den diesjährigen Gegenaktivitäten zum alljährlich in Dresden stattfindenden Trauermarsch von Nazis und Gesinnungsdresdner_innen trat dies sehr deutlich zutage: Auf der einen Seite eine Gruppe kritischer Antifaschist_innen, die neben ihrer Kritik an den Naziaktivitäten auch eine berechtigte Kritik am geschichtspolitischen Diskurs der postnazistischen BRD formulierten; auf der anderen Seite das eher bewegungsfixierte Spektrum, dem diese Kritik offenbar egal war, weshalb auch lieber auf Masse gesetzt und das Hauptproblem einzig im Naziaufmarsch verortet wurde. Das Mensch sich so gegenüber bestimmten Einstellungsmustern affirmativ verhält, die innerhalb der Mehrheitsgesellschaft mehr als nur verankert sind und aus deren Repertoire sich eine Naziszene nur emsig zu bedienen braucht, dass wird hingegen geflissentlich ignoriert.

Aber auch im Superwahljahr 2009 scheint einigen Leuten nichts besseres einzufallen, als uns alle an die Wahlurnen zu rufen. Dabei ist die Behauptung, dass ein Wahlboykott den Nazis nur Stimmengewinne beschere, völlig aus dem Zusammenhang gegriffen. Eine Linksradikale sollte lieber einmal die Funktion von Wahlen innerhalb des kapitalistischen Normalbetriebes reflektieren und folglich solcherlei Spektakeln künftig auch fernbleiben.

Das sich eine antifaschistische Praxis schon immer zwischen zwei Handlungsoptionen bewegt, ist keineswegs eine neue Erkenntnis: Einerseits eine pragmatische, die auf die sprunghafte Zunahme von Naziaktivitäten reagieren und auf die Offenlegung von deren Organisationspotentialen abzielen muss. Auf der anderen Seite gleichzeitig auch Ursprung und Funktion solcher Ideologien betonen, sowie die Anknüpfungspunkte zum mehrheitsgesellschaftlichen Diskurs zutage bringen muss, indem knallhart Gesellschaftskritik formuliert wird. Das eine solche Gesellschaftskritik allerdings vollends ignoriert wird, offenbart umso mehr die theoretischen Defizite einer Ein-Punkt-Bewegung.

Das einige Antifagruppen [1] in der näheren Vergangenheit versucht haben, dem traditionsbewussten Diskurs zahlreicher Antifaschist_innen klare Positionen entgegenzusetzen, wird von uns hingegen sehr begrüßt und wir hoffen, dass eben diese Debatte nicht schon wieder gelich stagnieren wird.

Wer sich wirklich ernsthaft mit dem Faschismus und seiner Ideologiegeschichte auseinandergesetzt hat, sollte erkannt haben, dass diese Begrifflichkeit aktuell nicht wirklich taugt, um all jene regressiven Tendenzen zu beschreiben, die aus einer negativen Vergesellschaftung resultieren, ganz besonders einer gesellschaftlich produzierten Sucht nach Identität, die kontinuierlich rassistische, antisemitische, sexistische und regressiv-antikapitalistische Ressentiments zutage fördert.
Faschismus und Nationalsozialismus waren barbarische Versuche, die existierenden Widersprüche der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft abzustellen. Dabei basierten beide Ideologien auf diesen Widersprüchen selbst: Die Vereinzelung und Entfremdung der bürgerlichen Subjekte sollten durch eine hierarchisch sortierte Volksgemeinschaft beseitigt werden. Es war Walter Benjamin, der bereits 1936 erkannte, dass „der Faschismus versucht, die neu entstandenen proletarisierten Massen zu organisieren, ohne die Eigentumsverhältnisse, auf deren Beseitigung sie hindrängen, anzutasten. [2]“ Gleiches gilt in etwas modifizierter Form für zeitgenössische Tendenzen: Eine Mobilmachung der Volksgemeinschaft kann in der gegenwärtigen Krisensituation auch durch so genannte demokratische Politiker_innen erfolgen. Der Verursacher des Übels ist schnell ausgemacht: Es sind die profitgierigen Finanzhaie, wie erst jüngst von einem SPD-Wahlwerbeplakat zu vernehmen war. Das die gegenwärtige Instabilität des ökonomischen Systems auf diesem selbst beruht, muss da auch nicht weiter interessieren. Sein Vertrauen in die Institution Staat verliert der Bürger ohnehin nicht so schnell.

Wer sich im Wissen darum gegenwärtig noch eine revolutionäre Masse herbei halluziniert, nicht erkennend, dass das regressive Potential derzeit zu obsiegen scheint, sitzt entweder einem unreflektierten Idealismus auf, oder weiß nicht um reale Bedingungen und Möglichkeiten für ein emanzipatorisches Handeln, dass sich an einem Postulat von Adorno orientieren sollte, nämlich sich „zunächst Klarheit darüber zu schaffen, wie der manipulative Charakter zustande kommt, um dann durch Veränderung der Bedingungen sein Entstehen, so gut es geht, zu verhindern. [3]

Es ist also die dringliche Aufgabe emanzipatorischer Positionen, sich den Formzusammenhang abstrakter Herrschaft zu erschließen, um diesen dann zu dechiffrieren. Nur das Wissen um falsch eingerichteten Verhältnisse kann auch deren Überwindung herbeiführen.
Eine radikale Linke, die diesen Namen auch wirklich verdient, sollte sich ihrer aufgeklärten Position bewusst werden, anstatt diese beständig zu verraten.

Antifa R.D.L. im Juni 2009

[1] so z.B. LEA und TOP Berlin
[2] Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.
[3] Theodor W. Adorno: Erziehung nach Auschwitz




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